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«Mit Kindern wird's nie langweilig»

Arbon, Friedenstrasse, ein Vormittag im Februar 2025. Draussen grau in grau, der Himmel nebelverhangen. Drinnen aber, in der Therapiestelle der GHG Tempelacker, strahlt der 7-jährige Atilla. Er freut sich auf seine wöchentliche Ergotherapie.

Die Therapiestunden enthalten viele spielerische Elemente.

«Ein Kind, das gerne kommt, ist motivierter und lernt mehr», freut sich auch Atillas Therapeutin Deborah Scheiwiller. «Entscheidend ist, eine gute Beziehung zu den Kindern aufzubauen, sie in ihrem Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu stärken.»

Vielseitig, kreativ und flexibel
Die 32-Jährige, die ihren Bachelor in Ergotherapie an der ZHAW Winterthur gemacht hat, arbeitet seit November 2022 in einem 60%-Pensum auf der Therapiestelle der GHG Tempelacker in Arbon. Die Arbeit mit den Kindern begeistert sie, die geforderte Flexibilität gefällt ihr: «Mit Kindern wird’s nie langweilig. Sie bringen so viel eigene Kreativität mit. Diese aufzunehmen und sich davon überraschen zu lassen, ist toll.» Daneben arbeitet Deborah an ihrem Wohnort 30% in einer Ergotherapie-Praxis mit Erwachsenen.

«Eine gute Dynamik»
Schon im Studium wurde Deborah klar, dass sie mit Kindern oder in der Neurologie arbeiten wollte. Als sie sich nach Abschluss des Studiums die Therapiestelle Arbon anschaute, war es um sie geschehen: «Ich war sofort begeistert von der Praxis. Sie ist hell, modern eingerichtet, bietet viel Raum, auch für Bewegung. Wir haben einen Werkraum, eine Küche und sind bestens ausgerüstet mit Spiel-, Therapie- und Arbeitsgeräten.» Ebenso gefällt ihr die Zusammenarbeit im Team: «Wir sind vier Ergos und zwei Physios, jüngere und ältere gemischt. Das gibt eine gute Dynamik. Wir unterstützen einander auch gegenseitig.»

«Mit Kindern wird's nie langweilig. Sie bringen so viel eigene Kreativität mit.»

Hohe Eigenverantwortung
Dank der Einbindung der Therapiestelle Arbon in die Gesamtorganisation der GHG profitiert Deborah von regelmässigen internen Weiterbildungen und vom Austausch im Gesamtteam des Therapiebereichs der GHG Tempelacker. Das schätzt sie ebenso wie die Tatsache, dass sie in ihrer Arbeit sehr viel Eigenverantwortung, Freiheit und Flexibilität geniesst: «Anders als in anderen Praxen machen wir unser Therapiemanagement mit Terminen, Wartelisten usw. selbst. Das ist viel Aufwand, aber ich schätze es, eigenverantwortlich arbeiten zu können.»

Das Gesamtsystem einbeziehen
In der Therapie liegt Deborahs volle Aufmerksamkeit bei Attila. Dem Jungen ist anzumerken, dass er sich wohl fühlt. Das trägt zum Erfolg der Therapie bei. Dieser hängt allerdings auch wesentlich davon ab, wie das Kind das Gelernte im Alltag nutzen kann, erklärt Deborah. «Das gelingt umso eher, je besser die Zusammenarbeit im Gesamtsystem ist, in dem sich das Kind bewegt: Familie, andere Therapien, Institutionen, Schule usw. Diese versuche ich immer einzubeziehen.»

Atilla lernt gern und schnell. Anfangs erleichterte ihm eine Spezialschere das Schneiden, so dass er die Feinmotorik Schritt für Schritt gezielt üben konnte. Heute kann er problemlos mit einer normalen Schere schneiden.

«Etwas fehlte mir»
Bevor sie Ergotherapie studierte, arbeitete Deborah als kaufmännische Angestellte. Doch etwas fehlte ihr: «Ich spürte, dass ich etwas Soziales, zugleich aber auch kreativ und mit den Händen arbeiten wollte, etwas mit viel Abwechslung. In der Ergotherapie kommt alles zusammen.» Das zeigt sich in der Arbeit mit Atilla. Der aufgeweckte Junge redet gern und viel – was ihn oft selbst ablenkt. Deshalb geht es in seiner Therapie nicht nur darum, feinmotorische Fähigkeiten zu trainieren, sondern auch Konzentration und Fokussierung.

«War das nun Spass?»
Als Deborah ihn fragt, was sie denn letzte Woche angefangen hätten, erinnert sich Atilla sofort: einen Igel zu formen. Beim Hervorholen des Materials aus dem Schrank wird sein Gedächtnis nochmals geprüft. Und als der Deckel von Deborahs Becher mit der Knete klemmt, kann Atilla ihr helfen und so seine Feinmotorik trainieren – nicht, ohne zu fragen: «War das nun Spass?» Bis der Igel fertig ist, übt der Junge spielerisch eine ganze Reihe weitere Fähigkeiten: seine räumliche Wahrnehmung, an einem Plan dranzubleiben, den Pinzettengriff mit Daumen und Zeigefinger oder die sogenannte In-Hand-Manipulation, wenn er aus einer Handvoll Bügelperlen eine um die andere auf die Zahnstocher reiht.     

Sichtbare Fortschritte
Seit er in die Ergotherapie kommt, hat Atilla sichtbare Fortschritte gemacht. Aktuell – etwa mit dem Knet-Igel – liegt der Fokus auf der Schulvorbereitung, erzählt Deborah. «Mein Highlight ist jeweils, wenn die Eltern oder Lehrpersonen eines Kindes Fortschritte wahrnehmen, seit es in die Ergotherapie kommt.» Je nach Bedürfnissen der Kinder wendet sie verschiedene Ansätze an. Dabei kommen ihr ihre Flexibilität und ihr Gespür für die Kinder zugute: «Ich habe schon meinen Plan im Kopf, kann aber reagieren. Und wir sind auch im Team sehr flexibel. Wenn es sich zum Beispiel zwischen zwei Kindern ergibt, kann sich eine Therapiestunde auch mal spontan entwickeln.» Das merkt auch der Besucher, der prompt für eine Runde des Spiels «Monsterjäger» mit einbezogen wird – natürlich auf Atillas Wunsch hin: «Dann kannst du auch noch etwas lernen!»

Dank gezieltem Training der Feinmotorik kann Atilla heute den Reissverschluss seiner Jacke problemlos selbstständig schliessen.